Ein Leitgedanke

Wir selbst müssen die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen.
Mahatma Gandhi

Ein Abendessen mit politischem Hintergrund

Letztens bin ich mit einer Freundin in Köln ausgegangen.

Nichts besonderes will man meinen. Zuerst waren wir in einem sehr gemütlichen orientalischem Restaurant am Rheinufer Kölns essen. Das Essen war wirklich sehr lecker. Der Tee verfolgt mich geschmacklich heute immer noch, so gut war er. Das Ambiente und die Unterhaltung waren wirklich klasse. Es war ein rundum schönes Essen. Anschliessend sind wir noch ein bischen in der Kölner Südstadt durch die Strassen gegangen und sind schließlich in einer authentischen Mexikanischen Kneipe hängengeblieben. Es gab für jeden zwei wirklich gute Coctails zu einem noch besseren Preis.

Seit diesem Abend treibt mich eine Frage um.

Was wäre, wenn wir keine Mexikaner, Chinesen, Türken, Italiener, Araber, Inder, Pakistanis, Thailänder, Nepalesen, Japaner und wo unsere Mitbürger sonst überall herkommen mögen, in Deutschland hätten? Wie sähe unser Alltag, unser Essen, unsere Freizeitgestaltung, wie unser Leben hier in Deutschland aus?

In meiner Kindheit, den 70er Jahren, kannte ich kaum Pizza & Co, also all das was uns die italienischen Einwanderer an kulinarischen Leckerbissen ins Land brachten. Parmesan, Ricotta, Mozzarella hatte ich zu der Zeit noch nie gehört. Döner und die ganzen anderen Leckereien wie Börek, Baklava oder Falafel waren mir unbekannt. Sushi, was soll das sein? Ein gutes indisches Curry waren für mich nicht vorstellbar.

Und heute? Ich koche und esse leidenschaftlich gerne Indisch, genauso wie Italienisch. Parmesan, Oliven, Ricotta, Mozzarella sind fast immer in meinem Kühlschrank zu finden. So wie Garam Masala, Kurkuma, Kardamom und viele andere indische Gewürze. Ich bin fast jede Woche beim Inder meines Vertrauens einkaufen, der Rosen Tee hat mich süchtig gemacht. Ich gehe jede Woche, wenn ich in Beuel bin, in den Türkischen Lebensmittelladen. Die Oliven sind dort einfach nur lecker, das Gemüse und Obst immer frisch und der Preis fair. Nicht zu vergessen das Baklava, welches ich dort immer kaufe.

Gäbe es nicht diese Menschen mit Migrationshintergrund, ich könnte nicht abends Thailändisch, Italienisch, Türkisch, Griechisch, Japanisch, Spanisch, Syrisch, Koreanisch, Chinesisch, Mexikanisch, Tibetisch usw essen gehen. Ich könnte nicht in diesen Geschäften Lebensmittel kaufen, die mir so sehr ans Herz gewachsen sind.

Für mich ist diese Entwicklung ganz klar eine Bereicherung. Wir diskutieren heute, ob wir die Menschen die zu uns kommen aufnehmen können, ob wir dies schaffen. Diese Diskussion gibt es nicht nur heute. Diese Diskussion gab es immer, wenn Menschen als Migranten oder Flüchtlinge in ein Land kommen.

Wir haben es damals geschafft, wir werden es heute auch wieder schaffen.

Ich sehe es als Chance.

Ich freue mich darauf, das diese Menschen unsere Kultur bereichern und so zu einer Vielfalt beitragen, die unser Land einfach schöner und Lebenswerter macht.

 

Danke für den schönen Abend und diese Gedanken Julia.

 

 

Nachrichten aus Aleppo

Es ist schon komisch, wie eine Überschrift eine solche Tiefe entwickeln kann. Der Artikel „Eine Herzensangelegenheit“ öffnet Herzen und Kanäle, die ich vor kurzem nicht für möglich gehalten hätte. Kaum zu glauben, wie tief ich mittlerweile in der Thematik Flucht & Syrien stecke.

Ich möchte hier auch gar nicht so viele Worte verlieren.

Diese Kategorie ist einem Freund aus Aleppo, Syrien vorbehalten. Ich werde hier von Zeit zu Zeit Texte und Bilder von ihm veröffentlichen, die er mir direkt aus dem Kriegsgebiet schickt. Unkommentiert auf Englisch mit einer Übersetzung auf Deutsch darunter. Bitte verbreitet diese Nachrichten so oft und so viel wie möglich. Es hilft uns zu verstehen warum die Menschen momentan zu uns kommen und den flüchtenden, als auch den daheim gebliebenen hilft es allemal.

Gemeinsam kann man mehr erreichen.

Danke!

Eine Nachricht von Batoul aus Aleppo

My name is #Batoul and this is my message for you …

I’M from Aleppo. I live here with my brothers, dad and mom in the middle of all this destruction and madness. We’ve tried many times to think about escaping and leaving this hell but there is no safe way. Nobody gives us the pass and the protection right. I want to travel but the death and drowning way is not the road which I want to walk on. I don’t want to face the same destination which happened to those kids who drown or became homeless on roads. I want to have a good education, a health care and a safe life. These are not offered here. Nothing is here but death ..
Is there anybody hear me ..?!
.
If you care about me . !
Can you please share my message with your friends .

Eine Herzensangelegenheit

Ich fühle mich überrollt, überrannt. Ich kann es nicht fassen, ich bin sprachlos, traurig, wütend. Jeden Tag eine emotionale Berg- und Talfahrt, wenn ich vor meiner Facebook oder Twitter Timeline sitze, wenn ich die Nachrichten sehe oder höre. Egal wo ich hinschaue, egal wo ich hinhöre. Ich sehe und höre rechte Gewalt. Anschläge, Hass, Fremdenfeindlichkeit. Stammtischparolen, gemischt mit Unwissenheit und Angst. Wie bin ich da nur hineingeraten?

Das waren meine erste Gedanken, als ich per Email über die Aktion #BloggerfürFlüchtlinge benachrichtigt wurde. Die Zeilen stehen schon dort. Kurz angerissen, gespeichert zum weiterschreiben am nächsten Tag, nach meinem Dienst. Dachte ich…

Superheldenaktion LaGeSo Berlin August 15

Superheldenaktion LaGeSo Berlin August 15

Am nächsten Morgen stand ich wie üblich auf. Ich stellte meinen Mokkakocher und das Milchtöpfchen auf den Herd und schaltete den Rechner an. Die übliche Morgenroutine. Timeline Facebook, Twitter und Nachrichten schauen. Was ist los in der Welt. Da fiel mein Blick auf ein Bild. Ein Bild von dem Superhelden „Flash“ und wie er Süßigkeiten im Laufen an geflüchtete Kinder verteilt. Es änderte alles. Es faszinierte mich, nein es fasziniert mich immer noch. Wie einfach es doch ist, Kindern und erwachsenen Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Menschen, die so viel schlimmes auf Ihrer strapaziösen und gefährlichen Reise hierher erlebt haben.

Ballons am Himmel LaGeSo Berlin August 15

Ballons am Himmel LaGeSo Berlin August 15

Nein ich wollte nicht mehr von den Greueltaten, dem Hass, der Gewalt in Deutschland schreiben. Mein Deutschland sieht anders aus. Diesen Misanthropen ist mehr als genug Aufmerksamkeit geschenkt worden. Mehr als sie eigentlich verdient haben. Es ist an der Zeit eine Bühne für all diejenigen zu schaffen, die sich für Menschen in Not aussprechen, die helfen wo Hilfe nötig ist. Ohne Vorurteile, ohne Res­sen­ti­ments.

Dieses und auch die anderen Bilder in diesem Artikel entstanden am LaGeSo Berlin, aufgenommen von Oliver Feldhaus. Moabit hilft und andere ehrenamtliche Helfer sind dort rund um die Uhr im Einsatz. Übernehmen das, was normalerweise der Staat leisten sollte. Sie leisten Hilfe in allen Lebenslagen, bewachen sogar das öffentliche Camp. Vielen Dank!

Ballons am Himmel2 LaGeSo Berlin August 15

Ballons am Himmel LaGeSo Berlin August 15

In Bonn hat sich im Juli die Initiative Willkommen in Bonn gegründet, welche sowohl unter dem Link, als auch als Gruppe auf Facebook zu finden ist. Kaum war der Artikel des Generalanzeigers Bonn online, gründete sich die Gruppe auf Facebook. Dem Ziel, den ankommenden flüchtenden Menschen zu helfen, verschrieben sich noch am selben Tag mehr als 500 Menschen. Heute, knappe sechs Wochen später, sind es schon 2.164. So kenne und liebe ich Bonn.

Die Initiative Bonn Beueler Engel besteht seit November 2014. Sie wurde aus dem Gedanken heraus gegründet, das es uns in Deutschland sehr gut geht und wir daher auch etwas zurück geben können. Es ist eine kleine aber sehr feine Gruppe mit 424 Mitgliedern, die schon viele Aktionen rund um die Themen Obdachlosigkeit, Asyl & Flucht, Frauenhaus, Tierheim und auch Weihnachten im Schuhkarton durchgeführt hat. Ende September ist ein Fest geplant um die Willkommenskultur in Bonn zu fördern. Ein dickes Danke an Euch.

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki hat die „Aktion Neue Nachbarn“ ins Leben gerufen. Hier werden die Aktionen der katholischen Kirche mit nicht kirchlichen Aktionen vernetzt. Für Bonn startet die Hotline unter der man sich für eine ehrenamtliche Tätigkeit in Bonn melden kann, ab dem 01. September.

Die ehrenamtliche Trauma-Therapie für Flüchtlinge in Flensburg und Lübeck von zwei Traumatherapeuten, hat den „Leuchtturm des Nordens“ für herausragende ehrenamtliche Arbeit vom Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein erhalten. Bewundernswert.

Pro Asyl ist schon seit 25 Jahren als unabhängige Menschenrechtsorganisation sehr engagiert in der Flüchtlingshilfe. Unbedingt unterstützenswert.

Tolle Aktion auch von Eier & Herz die mit Ihrer „End of story“ Kampage gezeigt haben, wie man mit Kreativität viel bewegen kann.

Endofstory

End of Story Kampagne von Eier & Herz

Mein Dank geht auch an MOTU-Cloth die Kleidung mit dem „Wer flüchten musste, verdient ein wenig Frieden“ Slogan bedruckt und auf hochwertigen Baumwollstoff druckt. Als Zugabe ist dies ein Fairtrade- Produkt und 2€ pro gekauftem Shirt gehen an Pro Asyl. Ich trage Euer Shirt mit Stolz und bin überrascht wie viele Menschen positiv auf dieses Statement reagieren. Man kann es tatsächlich in den Gesichtern ablesen.

Die Seite „Wie kann ich helfen“ trägt alle Hilfsprojekte und Initiativen in Deutschland zusammen und stellt sie vor. Eine gute Möglichkeit, um zu schauen wo in Deutschland Hilfe benötigt wird.

Start with a friend in Berlin haben es sich zur Aufgabe gemacht, die flüchtenden Menschen und die Einwohner Berlins auf Augenhöhe zusammen zu bringen und auf Dauer zu vernetzen. Ein sehr schöner Ansatz zur Integration.

Oder das Konzert von Brings in den Bonner Rheinauen am 28. August. 60 Bewohner der Ermekeilkaserne sind von der Kölschen Gruppe Brings eingeladen worden und konnten 3,5 Stunden feiern und ihre Sorgen vergessen. Danke für de superjeile Zick.

Vergessen sollte ich natürlich nicht die Initiative #BloggerfürFlüchtlinge, für die ich ja eigentlich diesen ganzen Text schreibe. Ich kann hier nur sagen: Tolles Regelwerk, tolle Aktion, tolle Initiative. Macht mit, spendet, lasst uns gemeinsam Flagge zeigen!

Es gibt so viele Projekte, Initiativen und helfende Hände, dass es den Rahmen sprengen würde alle hier aufzuzählen. Aber eines eint sie alle. Die Liebe zum Menschen. Es ist Menschlichkeit und Humanität was sie treibt. Manche bis zur Erschöpfung. Denn all das was hier geleistet wird, muss neben der Arbeit geleistet werden. Viele haben sich Urlaub genommen und spenden diese wertvolle Zeit diesen Menschen, die unsere Hilfe so dringend benötigen.

Endofstory

End of Story Kampagne von Eier & Herz

Während meiner Recherchen zu diesem Artikel, bin ich auf so viele tolle Initiativen und Organisationen gestoßen. Ich durfte ungezählte herzerwärmende Berichte von Menschen lesen, die sich selbstlos und teilweise bis zur Selbstaufgabe für die Menschen einsetzen, die momentan zu uns kommen.

Der Artikel 1 unseres Grundgesetz sagt:

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

und Artikel 16a:

Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.

Das ist gelebter Humanismus und Demokratie. Danke an alle für Euer Engagement, für Eure Menschlichkeit. Ihr macht die Welt ein Stück besser.

LaGeSo Berlin Wunschballons

LaGeSo Berlin Wunschballons

Mein besonderer Dank geht an Oliver Feldhaus und die Jungs von Eier & Herz sowie MOTU-Cloth dass ich die Bilder für meinen Artikel nutzen durfte. Eleni von den „Bonn Beueler Engeln“ und Yannik von „Willkommen in Bonn“ danke ich für die nette Kommunikation, die Information und natürlich Euren selbstlosen Einsatz in den entsprechenden Initiativen. Danke das ich daran teilhaben darf!

Damals, Heute?

Erinnerungen aus meiner Kindheit. Seltene Momente der Zweisamkeit mit meiner Großmutter. Ein Tisch, bedeckt mit einer Tischdecke aus Plastik, bedruckt mit einem Blumenmuster. So typisch für die 70er Jahre.

Ich vermisse Sie. Meine Großmutter, die ich eigentlich kaum kannte. Zu selten haben wir uns sehen können. Eine Oma – Enkel Beziehung wie ich sie aus Erzählungen von Freunden kenne, eine Art besserer Elternersatz, habe ich nie erleben dürfen. Das vermisse ich sehr. Wie auch meinen Großvater, den ich nie kennenlernen durfte. Der Krieg hat ihn uns genommen. Werner Fricke

So wie mir der Tisch mit dem Blumenmuster in Erinnerung geblieben ist, erinnere ich mich an ihre Geschichten. Gemeinsam haben wir an diesem Tisch gesessen, Kartoffeln und Zwiebeln geschält, das Gemüse geputzt. Sie erzählend, ich wissbegierig lauschend. Den Geschichten aus dieser, für mich so fremden Welt.

Geboren und aufgewachsen in einer gutbürgerlichen, finanziell gut gestellten Familie im früheren Pommern. Eine frühe Heirat mit einem studierten Musiker. Schöne Reiseerlebnisse durch die zahlreichen Engagements meines Großvaters. Sieben Kinder hat sie in dieser Zeit geboren. Der Krieg war irgendwann da, die Kinder mussten dennoch geboren, durchgefüttert, angezogen und erzogen werden.

Eine fast normale Biografie, wenn, ja wenn die Vorkriegs-, Kriegs- und Fluchterlebnisse nicht immer wieder Gegenstand Ihrer Erzählungen gewesen wären.

Nächtliches lautes Trampeln von Stiefeln auf der Treppe, wenn die Schergen der SS oder Gestapo unerwünschte Personen aus Ihren Wohnungen holten, um diese für immer verschwinden zu lassen. Die latente Angst vor der Staatsmacht, die Angst bei den Luftangriffen im Bunker. Die mangelnde Versorgung mit Lebensmitteln. Alles war knapp und gab es nur mit Lebensmittelmarken. Gelb für Eier, Rot für Brot. Ein Erwachsener erhielt im Jahr 1945 1700 Gramm Brot, 250 Gramm Fleisch und 125 Gramm Fett innerhalb von einer Woche. Kinder unter 6 Jahren, stillende Mütter und Schwerstarbeiter ein wenig mehr.

Im November 1944 wurde mein Großvater eingezogen. Volkssturm nannte das Regime großmäulig das letzte Aufgebot. Bisher unabkömmlich geltende Männer, Musiker wie mein Großvater, Männer über 50 und Jugendliche ab 15 Jahre. Kaum ausgebildet ging es innerhalb kürzester Zeit an die Front. Kanonenfutter, mehr nicht!

Nach dem Krieg erreichte meine Großmutter ein letzter Brief meines Großvaters, datiert auf den 02.01.1945. Es ist heute noch schlimm die Angst zwischen den Zeilen zu lesen, die Sorge um seine Familie. Es sollte das letzte Lebenszeichen meines Großvaters sein. Kurz nach dem 02.01.1945 überrollte die 1. Weißrussische Front unter Georgij K. Schukow im Zuge der Winteroffensive die deutschen Verteidigungslinien im Raum Warschau.

70 Jahre später weint meine Mutter immer noch, wenn sie diesen Brief liest. Sie hat Ihren Vater ebensowenig kennenlernen dürfen, wie ich meinen Großvater.

Am 26. Januar hieß es dann „Die Russen kommen“. Drei Tage zuvor hatte meine Großmutter entbunden. Jetzt grollte der Geschützdonner der Front über Schneidemühl. Sie hatte keine Wahl. Dort zu bleiben hieße zu sterben oder den Repressalien der anrückenden roten Armee ausgesetzt zu sein. Ungewiss ob sie und Ihre Kinder das überleben würden. So wurde das nötigste zusammengerafft und sie versuchte auf dem schnellsten Wege nach Gollnow zu meinen Urgroßeltern zu flüchten.

Flüchtlingstreck

Flüchtlingstreck auf dem Eis

Von Gollnow aus ging es dann mit einem Flüchtlingstreck über das Stettiner Haff Richtung Danzig.  Am 29.01.1945 kamen sie in Gotenhafen, dem heutigen Gdynia an. Hundertausende Menschen drängten sich dort bei durchschnittlichen Temperaturen von -20 Grad. Versuchten irgendwie ihr Leben zu retten. Meinen Urgroßeltern erschien die Wilhelm Gustloff als Rettung. Meine Großmutter weigerte sich auf ein Schiff zu gehen, ihre Rettung wie sich einen Tag später herausstellen sollte. Am 30.01.1944 wurde die Wilhelm Gustloff mit über 10.000 Menschen an Bord versenkt, von denen nur ca. 1.200 überlebten.

Lazarettschiff "Wilhelm Gustloff"

Lazarettschiff „Wilhelm Gustloff“

Im Gewühl der Menschen, teilweise panisch, verloren sich meine Großmutter und meine Urgroßeltern. Zwei Ihrer Kinder, Horst und Monika, befanden sich zu der Zeit noch bei meinen Urgroßeltern. Kaum vorzustellen welche Ängste meine Großmutter ausgestanden haben muss. Nun vollkommen alleine auf sich gestellt mit 5 Kindern an der Hand. Doch es musste weitergehen. Stehen bleiben hieße aufgeben und die Kinder dem Schicksal zu überlassen.

Weiter nach Westen, egal wie. Der Planwagen in einem Flüchtlingstreck der einzige Ausweg, dieser Hölle von Kälte Angst, Hunger, Durst und Tod zu entfliehen. Ein langer Zug von unzähligen Menschen, ein Exodus. Mittendrin meine Großmutter mit den 5. Kindern, eines davon meine Mutter. Tiefflieger die immer wieder die Trecks beschossen. Runter vom Wagen, im Straßengraben Deckung suchen. Tote und schreiende Verwundete um sie herum. Pferde die im Todeskampf mit weit aufgerissenen Augen unerträglich schreien. Menschen die sich Stücke aus den Pferdekadavern schneiden, um wenigstens etwas zu essen zu haben.

Irgendwann, nach ungezählten Tieffliegerangriffen blieb sie einfach auf dem Wagen sitzen. Irgendwann kommt der Punkt an dem man alles nicht mehr ertragen kann und sich dem Schicksal überlässt.

Sie hat es geschafft.

Sie hat es trotz allem geschafft, alle ihre Kinder sicher in den Westen zu bringen.

Flüchtlingslager in Schleswig Holstein

Flüchtlingslager in Schleswig Holstein

Im Westen angekommen geht es für sie und ihre Kinder in das Auffanglager Friedland bei Göttingen. Immer noch fehlen ihr zwei Ihrer Kinder und meine Urgroßeltern. Immer noch ist da die Angst um ihre Kinder, ihren Mann und ihre Eltern.

Das rote Kreuz hilft, es hilft bei der Suche nach Vermissten. Überall kann man Zettel finden, auf denen Menschen versuchen ihre Familienangehörigen wieder zu finden.

Irgendwann, trotz der ganzen Wirren, finden sich meine Großmutter und meine Urgroßeltern mit den zwei Kindern wieder. Mein Großvater bleibt jedoch vermisst, bis heute.

Vom Auffanglager aus werden die ankommenden flüchtenden Menschen weiter verteilt. Meine Großmutter bekommt eine kleine Dachgeschosswohnung in einem Gutshaus in Parensen zugewiesen. Fließend Wasser gab es nicht. Das musste von einem Brunnen im Hof geholt werden. Zwei Betten mussten für die 7 Kinder reichen. Um zu überleben müssen die Kinder mit anpacken. Eisen wird auf den Feldern gehackt und verkauft, Holz gesammelt, Beeren gepflückt. Steckrüben werden nachts vom Feld geklaut um nachts zu Schnaps gebrannt und auf dem Schwarzmarkt verkauft zu werden. Zu schade ist sich meine Großmutter für nichts, auch nicht zu betteln. Betteln bei den „reichen“ Bauern, sich dabei als Gesindel und Pack beschimpfen lassen müssen. Sie, die Dame aus gutem Hause, die ein Haus mit fließend Wasser und moderner Toilette ihr eigen nennen konnte. Die einen Flügel im Salon stehen hatte. Jetzt wohnt sie bei einem Bauern, mit Plumpsklo auf dem Hof, der dies für eine Errungenschaft der Zivilisation hält. Aber was macht man nicht alles in seiner Not, wenn man flüchten musste um sein und das Leben der eigenen Kinder zu retten und  keinerlei finanzielle Mittel mehr hat.

Sie hat nie wieder geheiratet. Mein Großvater musste später für Tod erklärt werden, damit sie wenigstens eine Kriegswitwenrente erhalten konnte.

Meine Großmutter war eine starke Frau, die dennoch unter all diesen traumatischen Erlebnissen gelitten hat. Ich bin stolz auf sie. Ich bin stolz, weil sie trotz allem, oder vielleicht auch gerade wegen ihren Erlebnissen, nie einen Menschen aufgrund seiner Herkunft verurteilt hat. Diese Menschlichkeit ist es, die für mich vorbildlich ist.

Wenn ich mir die Ereignisse rund um die aktuell nach Europa flüchtenden Menschen anschaue, muss ich immer wieder an sie, ihre Flucht, ihren Mut und den Glauben an das positive im Menschen, denken.

Der Satz „der Mensch ist die schlimmste Bestie“ stammt von Ihr. Recht hat sie.

Der rechte Extremismus ist in der Mitte angekommen und zeigt jeden Tag aufs neue seine hässliche Fratze.

Was für mich bleibt ist eine Frage.

Was unterscheidet die Flüchtenden von damals, von denen, die heute Schutz bei uns suchen?

Kabul Kids

Kabul Kids

Auf Borkum ist alles anders.

Für mich scheint an diesem Spruch doch was dran zu sein.

Keine andere Insel hat mich bisher so verzaubert.

Keine andere Insel belgeitet  mich schon so lange in meinem Leben.

Genau kann ich es nicht mehr sagen, wann ich den ersten Fuß auf Borkum gesetzt habe.

In meiner Kindheit war es auf jeden Fall.

In den für mich doch so glücklichen 70er Jahren.

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Qualle gefunden am Borkumer Nordstrand

Im Sand buddeln und Burgen bauen mit Schaufeln, Quallen mit dem Käscher fangen Kettcar fahren, in den Dünen spielen bis wir dunkel braun waren.

Langeweile gab es da nicht. 

Der Tag hatte nicht genug Minuten, so viel Spass hatten wir dort

Sonnenuntergang Borkum Hauptstrand

Sonnenuntergang Borkum Hauptstrand

Vielleicht ist dies der Grund warum ich nicht mehr von ihr lassen kann?

Vielleicht ist es aber auch die rauhe Schönheit, die mich so anzieht.

Mövenflug 2

Mövenflug

Das Dünengras, das Geschrei der Möven, das Rauschen des Meeres.

Die salzige, sehr jodhaltige Luft, das Hochseeklima. Der Geschmack von Salz auf den Lippen,wenn man am Wasser entlang spazieren gegangen ist.

Grenzzaun Seehundbänke Borum, im Hintergrund Borkum Stadt

Grenzzaun Seehundbänke Borum, im Hintergrund Borkum Stadt

Das Gefühl einer Weite die man einfach nicht in Worte fassen kann.

Oder sind es die sportlichen Möglichkeiten die Borkum bietet?

Auf keiner anderen Ostfriesischen Insel liegt der Surfspot so günstig.

Die vorgelagerte Seehundbank bildet eine natürliche Bucht, welche die Wellenbildung und auch die Gefahr des Abtreibens bei ablandigem Wind verringert.

Ich mit meiner Tochter Strandpromenade

Ich mit meiner Tochter Strandpromenade

Hier habe ich das surfen gelernt und mittlerweile betreibt auch meine Tochter diesen schönen Sport.

Jedes Jahr fahre ich auf die Insel.

Jedes mal ist da ein Gefühl des wieder ankommens.

Sturmflut Borkum

Sturmflut Borkum

Unbeschreiblich das Gefühl, wieder am Meer stehen zu können und es zu riechen, schmecken und fühlen.

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Was es auch ist, ich kann nicht mehr von ihr lassen.

Für sie lasse ich alle anderen Urlaubsziele links liegen. 

So schön sie auch sein mögen, Borkum hat mich fest im Griff.

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Bis nächstes Jahr Borkum!

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